Jeder Mensch ist anders. Was dich zu einer guten Führungskraft macht, hat zum Teil mit dem Team zu tun, das du leitest, mit dem Umfeld, in dem du dich befindest, und mit dir selbst als Person. Untersuchungen zufolge gibt es jedoch eine Reihe von Eigenschaften, die starke Führungspersönlichkeiten alle gemeinsam haben.
Was unterscheidet eine Führungskraft von einer besonders guten Führungskraft? Die Psychologin Clara Isabell Slawik bringt mithilfe wissenschaftlicher Quellen Licht ins Dunkel rund um das Thema Führung.
Was definiert eine gute Führungskraft?
Wenn du an eine starke Führungskraft denkst, kommen dir vielleicht Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Entscheidungsfreude oder Ruhe unter Druck in den Sinn. Das kann alles dazugehören, doch wirkliche Stärke in der Führung ist komplexer. Sie bedeutet auch zu wissen, wann man zuhört, sich anpasst und andere auf dem Weg mitnimmt.
Psychologin Clara erklärt:
„Oft werden Menschen in Führungspositionen befördert, weil sie ehrgeizig, zielstrebig und zukunftsorientiert sind. Das sind gute Eigenschaften, aber dabei wird oft die menschliche Komponente übersehen.”
Genau deshalb kann Führung so ermüdend wirken. Es ist nicht nur die Arbeitslast, sondern auch die Veränderung der Verantwortung. Die emotionalen Anforderungen einer Führungsrolle können genauso herausfordernd sein wie die organisatorischen. Doch wie zeigt sich starke Führung in der Praxis wirklich?
Clara fasst starke Führung so zusammen:
„Stark ist jemand, der ambitioniert ist und Entscheidungen trifft, dabei aber auch selbstreflektiert bleibt, Grenzen setzt und Empathie zeigt. Es bedeutet, resilient zu sein, wenn etwas schiefgeht, und neugierig darauf, wie andere ihre Arbeit erleben.“
6 Merkmale einer guten Führungskraft
Untersuchungen von Gallup zeigen, dass sich ein Viertel der Mitarbeiter*innen aufgrund schlechter Führung nicht mit ihrem Unternehmen verbunden fühlt. Die Folge sind eine geringere Produktivität und Effizienz, dazu kommt höhere Personalfluktuation.
Führung bedeutet nicht, jederzeit alles richtig zu machen. Diese Qualitäten sind keine festen Eigenschaften, sie lassen sich üben und im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Du musst nicht in jedem Bereich perfekt sein; entscheidend sind Selbstreflexion und die Bereitschaft, zu wachsen.
1. Kenne dich selbst & deine Grenzen
Gute Führung beginnt damit, dich selbst gut zu führen. Wenn dir Raum oder Energie fehlen, um dich selbst gut zu leiten, wird es schwierig, auch für andere vollständig präsent zu sein.
Starke Selbstführung, also die Art, wie du dein eigenes Leben gestaltest, bildet die Grundlage dafür, wie du andere führst. Beobachte, was dir hilft, stabil und ausgeglichen zu bleiben. Eine kurze Morgenroutine, Zeit für Bewegung oder ein Moment der Ruhe vor Meetings können einen großen Unterschied darin machen, wie du durch den Tag führst.
Genauso wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Klarheit darüber, was du realistisch übernehmen kannst, hilft dir, bessere Entscheidungen zu treffen und Überlastung zu vermeiden. Gleichzeitig ermöglichst du damit auch deinem Team, bewusster statt erschöpft zu arbeiten.
2. Priorisiere Entwicklung & Wohlbefinden
Eine starke Führungskraft konzentriert sich nicht nur auf Ergebnisse, sondern vor allem auf die Menschen, die diese Ergebnisse möglich machen. Wenn sich dein Team unterstützt, wertgeschätzt und ermutigt fühlt, zu wachsen, zeigen sich die Mitglieder engagierter – für die Arbeit, füreinander und für dich.
Beginne damit, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen sicher und gesehen fühlen. Das kann so einfach sein wie ein kurzes Check-in zu Beginn eines Meetings, um zu fragen, wie es allen geht, oder die Woche damit zu beenden, den Beitrag einer Person ausdrücklich anzuerkennen. Zeige Vertrauen, indem du deinem Team Raum gibst, Entscheidungen für ihre eigenen Projekte zu treffen, und mach deutlich, dass Pausen und Erholung in Ordnung sind.
Auch Entwicklung sollte aktiv gefördert werden. Plane regelmäßige 1:1 Gespräche ein, die sich ausschließlich auf persönliches Wachstum konzentrieren, nicht auf Leistung. Biete an, jemanden mit einer*m Mentor*in zu vernetzen oder delegiere Aufgaben, die die Person auf eine gut machbare Weise herausfordern. Schon kleine Dinge wie die Fragen „Möchtest du das nächste Meeting leiten?“ oder „Willst du das als Erster ausprobieren?“ können einen großen Unterschied machen.
3. Kommuniziere klar & höre wirklich zu
Klare, kontinuierliche Kommunikation ist eine der einfachsten Möglichkeiten, Vertrauen aufzubauen und gleichzeitig eine der leichtesten, die im Alltag untergeht. Menschen arbeiten besser, wenn sie wissen, was von ihnen erwartet wird, welche Veränderungen anstehen und wie ihre Arbeit zum großen Ganzen beiträgt.
Mache es dir zur Gewohnheit, regelmäßig nachzufragen, nicht nur dann, wenn ein Problem auftaucht. Du könntest die Woche damit beginnen, Prioritäten gemeinsam abzustimmen, und zur Wochenmitte noch einmal nachhaken, wie es läuft. Teile Informationen offen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Und wenn etwas unklar bleibt, gehe davon aus, dass du es anders erklären musst, statt es einfach nur deutlicher zu wiederholen.
Gute Kommunikation bedeutet nicht nur zu sprechen, sondern vor allem zuzuhören. Achte dabei nicht nur auf Worte, sondern auch auf Tonfall und Körpersprache. Stelle offene Fragen wie „Wie erlebst du das gerade?“ oder „Was würde es für dich leichter machen?“
Du willst dich im Zuhören üben?
4. Fördere Neugier & Experimentierfreude
Starke Führungskräfte haben nicht auf alles eine Antwort. Sie stellen Fragen, bleiben neugierig und schaffen ein Umfeld, in dem andere sich ebenso trauen, neugierig zu sein. Ermutige dein Team, Dinge auszuprobieren, auch dann, wenn sie nicht sicher sind, wie es ausgehen wird. Frage nach, was sie beim nächsten Mal anders machen würden, und teile eigene Erfahrungen. Wenn etwas nicht funktioniert, richte den Fokus auf das, was man daraus mitnehmen kann, statt darauf, wer den Fehler gemacht hat.
Du kannst den Ton auch selbst setzen, indem du experimentierst: etwa indem du einen neuen Prozess testest, Meetings anders gestaltest oder aktiv nach Feedback zu deiner eigenen Arbeitsweise fragst. Neugier schafft Vertrauen und hält Entwicklungen in Bewegung. Wenn Menschen wissen, dass es in Ordnung ist, Ideen auszuprobieren und unterwegs zu lernen, übernehmen sie eher die Initiative und finden bessere Wege, Dinge zu erledigen.
5. Behalte das große Ganze im Blick
Starke Führungskräfte wissen, wohin sie wollen, ohne dabei den Kontakt zum Tagesgeschäft zu verlieren. Es geht darum, eine klare Richtung zu haben und gleichzeitig nah genug dran zu bleiben, um zu sehen, wie die Dinge tatsächlich funktionieren.
Überprüfe regelmäßig das große Ganze: Wohin entwickelt sich das Team, was verändert sich in eurem Umfeld, und was ist nötig, um die nächsten Schritte zu gehen. Das kann bedeuten, Pläne anzupassen, kleine Kurskorrekturen vorzunehmen oder vor der Priorisierung aktiv nach Input zu fragen.
Entschlossenheit ist ebenfalls wichtig. Sobald du genug Perspektive gesammelt hast, triff eine Entscheidung und kommuniziere sie klar. Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie den Plan kennen, auch wenn er sich später weiterentwickelt.
6. Führe mit Integrität
Integrität bedeutet, das zu tun, was du sagst, auch dann, wenn es nicht der einfachste Weg ist. Es heißt, in Worten und Taten verlässlich und konsequent zu bleiben, sodass Menschen wissen: Auf dich ist Verlass. Integrität schafft Vertrauen und genau dieses Vertrauen suchen Menschen am meisten in einer Führungskraft. Dein Team möchte sicher sein, dass du sie fair behandelst und zu ihnen stehst, egal was passiert.
Forschung zeigt, dass Integrität die am höchsten geschätzte Führungseigenschaft ist. Es geht dabei nicht nur um Ehrlichkeit, sondern um die Übereinstimmung zwischen dem, was du sagst, und dem, was du tust. Wenn Menschen das sehen, fühlen sie sich sicher genug, um ihr Bestes zu geben.
Mit Integrität zu führen bedeutet, Entscheidungen transparent zu machen, Fehler einzugestehen und deinem Team zu vertrauen, ohne es zu micromanagen. Mit der Zeit schaffen genau diese kleinen, konsequenten Handlungen das Vertrauen, das ein Team zusammenhält, besonders dann, wenn es herausfordernd wird.
Wie Clara es erklärt:
„Eine der wichtigsten Eigenschaften einer starken Führungskraft ist Integrität. Als Mitarbeiter*in wünscht man sich jemanden an seiner Seite, dem man vertrauen kann. Ich bin überzeugt, dass eine Führungskraft, die ihrem Team wirklich vertraut, ganz gleich, worum es geht, die beste Art von Führungskraft ist. Führung zu übernehmen ist das eine, echtes Vertrauen aufzubauen etwas ganz anderes.“
Am Ende sind wir alle Menschen
Unabhängig von Titel oder Erfahrung sollte Führung immer wieder auf das Menschliche zurückführen. Jede*r macht Fehler, fühlt sich manchmal unsicher und hat gute wie schlechte Tage. Führung bedeutet oft, zwei Rollen gleichzeitig zu tragen: andere zu leiten und selbst weiterzulernen. Perfekt wird man darin nicht durch Lesen allein, sondern durch Erfahrung, Reflexion und Austausch.
Sprich offen mit anderen Führungskräften darüber, was gut läuft und was nicht. Teilt Herausforderungen, vergleicht Erfahrungen und lernt voneinander. Und wenn du Unterstützung dabei möchtest, diese Fähigkeiten weiterzuentwickeln, kann die Zusammenarbeit mit Expert*innen helfen: beim Setzen gesunder Grenzen, beim Erkennen deiner Stärken, beim Steigern deiner Selbstreflexion und dabei, Situationen aus neuen Blickwinkeln zu sehen.