âWork hard, play hardâ, âErst die Arbeit, dann das VergnĂŒgen!â und âDer frĂŒhe Vogel fĂ€ngt den Wurm!â sind Redewendungen, die wir alle spĂ€testens beim Einstieg ins Berufsleben zu hören kriegen. WĂ€hrend sich viele mit der Frage quĂ€len, wie eine optimale Work-Life-Balance aussehen soll, spricht sich die deutsche Wirtschaft fĂŒr eine höhere Wochenarbeitszeit und mehr Ăberstunden aus.
In diesem Artikel erfĂ€hrst du, wie du dich von gĂ€ngigen Ăberzeugungen und GlaubenssĂ€tzen rund um das Thema Arbeit loslösen kannst. AuĂerdem geben wir dir mit Hilfe unserer Psychologin Ida Dommerholt nĂŒtzliche Tools an die Hand, die dir dabei helfen, die richtige Wochenarbeitszeit fĂŒr dich zu bestimmen und âsmartâ statt âhardâ zu arbeiten.
Wie viel Arbeit ist gut fĂŒr uns?
Deutschlands Finanzminister, Christian Lindner, fordert auf Twitter âmehr Wachstumsimpulseâ und âmehr Ăberstundenâ. Steffen Kampeter von der Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbĂ€nde findet eine ArbeitszeitverkĂŒrzung regelrecht absurd und der PrĂ€sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, spricht sich fĂŒr eine 42-Stunden-Woche aus â dem stimmt der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zu.
Doch sind 42 Stunden Arbeit pro Woche wirklich gut fĂŒr uns, wenn wir bis zum Rentenalter durchhalten wollen? Und wie passt das zu den derzeitigen Bestrebungen vieler LĂ€nder eine 4-Tage-Woche einzufĂŒhren?
3.300 Arbeitnehmer*innen aus 70 unterschiedlichen Unternehmen â von der Imbissbude zum groĂen Finanzunternehmen â probieren das im Vereinigten Königreich gerade aus. Das Land nimmt an einem weltweit gröĂten Pilotprojekt der 4-Tage-Woche teil, das sechs Monate lang andauern soll.
Auch Island testete bereits verkĂŒrzte Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich und wertete das Projekt als vollen Erfolg. Zwischen der immer noch gĂ€ngigen âHustle-Kulturâ, der deutschen Arbeitsmoral und den skandinavischen Projekten tut sich im Augenblick eine groĂe Kluft auf.
Wie kannst du unabhĂ€ngig von diesen Diskussionen herausfinden, wie viel Arbeit gut fĂŒr dich ist und wie kannst du deine Arbeitszeit â wenn es die Finanzen erlauben â auch tatsĂ€chlich anpassen?
Einfluss der Arbeitszeit auf die mentale Gesundheit
Es ist kein Geheimnis, dass unser Privatleben die Arbeit beeinflusst und umgekehrt. Und natĂŒrlich beeinflusst auch die Zeit, die wir auf der Arbeit verbringen, unser mentales Wohlbefinden. Mitarbeitende eines Unternehmens in Neuseeland, die ebenfalls am Pilotprojekt 4-Tage-Woche teilgenommen haben, bestĂ€tigen, dass das Stresslevel nach Ende des Projekts um 7 % gesunken sei und die allgemeine Zufriedenheit 5 % zugenommen habe.
Ist weniger arbeiten daher die Lösung fĂŒr alle? Nicht unbedingt.
âJeder Mensch hat einen anderen Bereich, in dem er optimal funktioniertâ, sagt Psychologin Ida Dommerholt und fĂ€hrt fort: âManche Menschen brauchen geistige Stimulation, andere brauchen viel Ruhe. Manche Menschen arbeiten schnell und können viele Informationen in einer Woche verarbeiten, andere arbeiten intensiver und mĂŒssen sich stĂ€rker konzentrieren.â
Check dich selbst!
Um herauszufinden, welche Arbeitsform am besten zu dir passt, kannst du einen Check-in mit dir machen. Du kannst dir dabei folgende Fragen stellen:
- Wie fĂŒhlst du dich?
- Wie sieht dein Energielevel aus?
- Mit welchem GefĂŒhl gehst du zur Arbeit?
- Wie verĂ€ndert sich dein Energieniveau ĂŒber die Woche hinweg?
- FÀllt es dir leicht, wÀhrend der Arbeit konzentriert zu bleiben?
- Gefallen dir die TĂ€tigkeiten, die du hauptsĂ€chlich ausfĂŒhrst?
- Bist du zufrieden mit deiner Work-Life-Balance?
Nimm dir einen Stift und Papier zur Hand und beantworte diese Fragen ausfĂŒhrlich. Das kann dir dabei helfen, herauszufinden, ob die geistige Stimulation der eigenen mentalen KapazitĂ€t entspricht. Du kannst auch ĂŒber deine Erwartungen an dich selbst nachdenken â du musst nicht alles alleine bewĂ€ltigen.
Zu viel Arbeit macht sich oft körperlich bemerkbar. Achte auf folgende Symptome:
- Schlafprobleme
- VernachlÀssigung sozialer Kontakte
- Probleme, dich um dich selbst zu kĂŒmmern (z. B. Work-out, kochen)
- Nicht in der Lage sein, zu Hause aufmerksam zu sein
- Leicht reizbar sein
- Mangel an KreativitÀt
Ăberarbeitung hat nicht nur mit der Arbeitsdauer zu tun, sondern hĂ€ngt oft auch mit der Auslastung zusammen. Wenn du dich ĂŒberarbeitet fĂŒhlst, steigt dein Cortisol-Level (Stresshormone) â was auch deine physische Gesundheit beeinflusst.
Aber auch zu wenig Arbeit oder langweilige Aufgaben sind nicht gut. Das fĂŒhrt zu Langeweile, Schlafproblemen und einem GefĂŒhl der Unruhe. Dabei kann mentale Stimulation auch aus einem anderen Lebensbereich kommen. Lies hier mehr darĂŒber, wie du verlorene Motivation wieder gewinnen kannst.
Psychologin Ida Dommerholt kennt das Problem mit der richtigen Work-Life-Balance aus der tĂ€glichen Arbeit. âIch hatte eine Kundin, die nicht mehr in der Lage war, zu Hause aufmerksam zu sein. Sie hatte einfach keine mentale KapazitĂ€t mehr, um ihrer Familie zuzuhörenâ, erzĂ€hlt die Psychologin.
âNach dem Anpassen ihrer Arbeitszeiten war sie wieder in der Lage, Zeit alleine zu verbringen und die Zeit mit ihrer Familie mehr zu genieĂen. Sie bemerkte auch, dass sie mehr Freude bei der Arbeit hatte und dort weniger gereizt und belastbar war.â
Erfahre hier mehr darĂŒber, wie du auf der Arbeit Grenzen setzen kannst.
âManche Menschen brauchen geistige Stimulation, andere brauchen viel Ruhe. Manche Menschen arbeiten schnell und können viele Informationen in einer Woche verarbeiten, andere arbeiten intensiver und mĂŒssen sich stĂ€rker konzentrieren. Es gibt keine Einheitslösung fĂŒr alle!â
Wie kannst du deine Arbeitszeit anpassen?
Zweifelst du noch an der reduzierten Arbeitszeit oder hast Schwierigkeiten herauszufinden, was nun wirklich zu dir passt? Dann kann dir dieser Stufenplan von Ida Dommerholt vielleicht bei der Reflexion helfen:
- Erkenne deine BedĂŒrfnisse
- Hinterfrage deine Ăberzeugung, 40 Stunden arbeiten zu mĂŒssen (dies wurde in einer Zeit entwickelt, in der eine Person arbeitete und die andere sich um den Haushalt kĂŒmmerte)
- Arbeite âsmart, not hardâ â eventuell musst du deinen optimalen Arbeitsbereich noch finden
- Triff eine Entscheidung, die fĂŒr DICH gut ist
- Mach eine Kosten-Nutzen-Analyse (âVielleicht verdiene ich weniger, aber ich spare auch den Lieferservice, weil ich mehr Zeit zum Kochen habeâ)
- Experimentiere mit verschiedenen Formaten, bevor du dich fĂŒr dein neues Format entscheidest
- Denke ĂŒber verschieden Formen der Teilzeit-Arbeit nach (Gesamtwochenstunden und Verteilung der Arbeitstage und deiner freien Tage)
- Zögere nicht, MaĂnahmen zu ergreifen und warte nicht, bis Burn-out-Symptome eintreffen oder Beziehungen in die BrĂŒche gehen
Jeder Mensch ist auf eine andere Art und Weise produktiv und wird mit anderen Herausforderungen im Privatleben konfrontiert. Dementsprechend kannst du deine wöchentliche Arbeitszeit anpassen und so deiner mentalen KapazitÀt etwas Gutes tun.
Du hast Schwierigkeiten beim Finden der optimalen Work-Life-Balance und möchtest dich lieber persönlich darĂŒber austauschen? Dann buch ein GesprĂ€ch mit unseren psychologischen FachkrĂ€ften wie Ida Dommerholt.