Lehrergesundheit: Arbeitsbelastung erkennen und was Schulen jetzt tun können

Paula Fenker

Von Paula Fenker Überprüft von Psycholog*in Britt Slief

9 min
Eine Illustration einer Person, die eine andere tröstet, die traurig oder gestresst zu sein scheint, mit einem großen Stapel von Papieren auf einem Tisch in der Nähe, vor einem blauen Hintergrund.

In diesem Artikel

Du willst das Beste für deine Schüler*innen. Du bleibst länger, nimmst Arbeit mit nach Hause und sagst ja zu noch einer Besprechung. Bis es nicht mehr geht. Die psychische Belastung von Lehrkräften in Deutschland hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, obwohl die Ursachen meist nicht bei den Lehrkräften selbst liegen, sondern daran, wie Arbeit organisiert ist.

Was hilft wirklich? Und wann ist es Zeit, Unterstützung zu suchen? In diesem Artikel erklärt Psychologin Britt Slief von OpenUp, was du als Lehrkraft, als Schulleitung und als Organisation tun kannst, um die Arbeitsbelastung zu verringern und Lehrergesundheit aktiv zu stärken.

Im Überblick

Laut dem Deutschen Schulbarometer 2024 der Robert Bosch Stiftung fühlen sich 78 % der Lehrkräfte stark belastet. Organisationsgetriebene Maßnahmen sind dabei fast doppelt so wirksam wie individuelle Tipps. Der erste Schritt: Belastung im Teamgespräch ansprechen und frühzeitig Zugang zu psychologischer Unterstützung anbieten.

Warum ist die Arbeitsbelastung von Lehrkräften in Deutschland so hoch?

Die Überlastung von Lehrkräften entsteht nicht durch eine einzelne Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel struktureller Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.

Administrative Aufgaben. Unterrichtsvorbereitung, Elterngespräche, Dokumentation, Förderpläne. Das Schulbarometer 2024 zeigt, dass bildungspolitische und administrative Anforderungen von 21 % der Lehrkräfte als eine der größten Herausforderungen im Berufsalltag genannt werden.

Lehrermangel. Der Lehrermangel in Deutschland verschärft die Situation zusätzlich. Fehlende Kolleg*innen bedeuten, dass Aufgaben auf weniger Schultern verteilt werden. Gleichzeitig ist die Arbeitsbelastung einer der häufigsten Gründe, warum Lehrkräfte den Schuldienst verlassen, was den Mangel weiter antreibt.

Inklusion und Klassenheterogenität. Laut dem Schulbarometer 2024 nennen 33 % der Lehrkräfte die Heterogenität in den Klassen als eine ihrer größten Herausforderungen, oft ohne ausreichende Unterstützung durch zusätzliches pädagogisches Personal.

Fehlende Autonomie. Wenn Lehrkräfte kaum Einfluss darauf haben, wie sie ihre Arbeit gestalten, steigt das Risiko für stressbedingte Erkrankungen deutlich. Bildungsforscherin Bärbel Wesselborg betont, dass bisherige Gesundheitsprogramme zu stark auf einzelne Personen ausgerichtet sind und die Schule als Organisation stärker in den Blick nehmen sollten.

Zu viel Engagement. Gerade die Motivation, die gute Lehrkräfte auszeichnet, führt dazu, dass strukturell mehr gearbeitet wird als vertraglich vereinbart. Das innere „Die Kinder brauchen mich“ macht es leichter, Signale der Überlastung zu übersehen.

Psychologin Britt Slief von OpenUp: „Viele Lehrkräfte sind enorm engagiert. Das ist eine wertvolle Eigenschaft, aber sie kann dazu führen, dass eigene Grenzen immer wieder ein Stück weiter verschoben werden.“

Besprechungskultur. Lehrerkonferenzen, Dienstbesprechungen, Elternabende, Arbeitsgruppen. Viel Besprechungszeit trägt nicht direkt zum Unterricht bei, frisst aber Vorbereitungszeit und fragmentiert den Arbeitstag.

Wie erkennst du, wann Arbeitsbelastung in Burnout übergeht?

Je früher du die Signale erkennst, desto mehr Handlungsspielraum hast du. Burnout entsteht nicht von einem Tag auf den anderen, sondern entwickelt sich über ein Spektrum: Arbeitsstress, chronischer Stress, Erschöpfung, Burnout. Laut einer aktuellen Auswertung hat rund 70 % aller Dienstunfähigkeitsverfahren bei Lehrkräften eine psychische Erkrankung als Ursache.

Signale, die du bei dir selbst erkennen kannst:

Dein Körper sendet Warnsignale. Du fühlst dich dauerhaft erschöpft. Schlafen klappt nicht mehr gut. Die Müdigkeit geht nach einem Wochenende nicht weg.

Deine Emotionen reagieren stärker. Kleine Dinge bringen dich schneller aus der Ruhe. Lärm in der Klasse fühlt sich schwerer zu ertragen an. Du kommst nicht zur Ruhe.

Deine Konzentration lässt nach. Die Aufmerksamkeit schwindet schnell. Entscheidungen kosten mehr Energie als sonst. Fehler häufen sich.

Du verlierst das Gefühl von Kontrolle. Alles fühlt sich überwältigend an. Du ziehst dich sozial zurück. Das Gefühl, von Ferien zu Ferien zu leben, ist ein Signal, keine Strategie.

Signale für Schulleitungen: Rückgang der Unterrichtsqualität, häufigere Kurzerkrankungen oder eine spürbare Veränderung im Engagement und der Haltung einer Kollegin oder eines Kollegen.

Psychologin Britt Slief teilt eine Erfahrung aus der Praxis: „In Gesprächen mit Lehrkräften höre ich oft, dass sie erst merken, wie erschöpft sie wirklich sind, wenn sie sich am Wochenende nicht mehr erholen können. Die Energie, die früher einfach da war, ist dann plötzlich weg.“

Genau deshalb ist das Gespräch so wichtig. Als Führungskraft kannst du einen echten Unterschied machen, indem du zuerst verstehst, was wirklich los ist, bevor du mit Lösungen kommst. Das beginnt damit, besser zu fragen und vor allem zuzuhören. Mehr über das Erkennen von Warnsignalen findest du in unserem Artikel über Burnout bei Lehrkräften.

Was wirklich hilft: der Ansatz, der den Unterschied macht

Organisationale Maßnahmen sind fast doppelt so wirksam wie individuelle Tipps bei der Verringerung von Burnout-Symptomen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Anpassungen in der Arbeitsorganisation einen deutlich größeren Effekt haben als individuelle Ansätze wie Achtsamkeit oder Coaching allein. Wer das System verändert, macht den größten Unterschied.

Das sind sechs Schritte, die Schulen jetzt umsetzen können:

1. Administrative Aufgaben reduzieren

Prüfe, welche Aufgaben wirklich zum Unterricht beitragen, und streiche den Rest. Laut dem Schulbarometer 2024 zählen administrative Anforderungen zu den zentralen Belastungsfaktoren. Jede Stunde, die Lehrkräfte von Bürokratie entlastet werden, ist eine Stunde mehr für Unterricht oder Erholung.

2. Das Schulteam stärken

Der Einsatz von Unterrichtsassistenz und Fachkräften für nicht-unterrichtliche Aufgaben hat nachweislich Wirkung auf die Belastungswahrnehmung. Aufgaben, die nicht zwingend durch eine ausgebildete Lehrkraft erledigt werden müssen, sollten entsprechend verteilt werden.

3. Lehrergesundheit im bestehenden Teamgespräch ansprechen

Nicht über eine zusätzliche Besprechung, sondern als fester Tagesordnungspunkt von zehn Minuten in einem Meeting, das bereits stattfindet. Offene Teamgespräche gehören laut Forschung zu den wirksamsten Maßnahmen zur Verbesserung der Lehrergesundheit.

4. Niedrigschwellige psychologische Unterstützung anbieten

Laut einer Auswertung der Krankheitsdaten lag der Krankenstand bei Lehrkräften 2024 auf einem historischen Höchststand. Warte nicht bis zur Krankmeldung, sondern mach Unterstützung zugänglich, sobald erste Signale sichtbar werden. OpenUp gibt Lehrkräften direkten und unbegrenzten Zugang zu Psycholog*innen, auch außerhalb der Unterrichtszeiten und innerhalb eines Werktages. Mehr als 100 Bildungsorganisationen arbeiten bereits damit. Mehr dazu im Artikel zum Krankenstand im Bildungssektor.

5. Die Besprechungskultur überdenken

Viel Besprechungszeit trägt nicht direkt zum Unterricht bei. Kürze oder streiche Meetings, die keinen direkten Einfluss auf Schüler*innen haben, und gib Lehrkräften zusammenhängende Arbeitszeit zurück.

6. Lehrergesundheit als Organisationsaufgabe verstehen

Belastung lässt sich nicht mit einem einmaligen Aktionsplan lösen, sondern durch strukturelle Veränderung der Arbeitsorganisation. Geteilte Verantwortung, wertschätzende Führung und eine mitarbeiterorientierte Schulkultur sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Was du als Lehrkraft selbst tun kannst

Die Lösung für Überlastung ist strukturell, aber das bedeutet nicht, dass du warten musst. Diese sechs Schritte helfen dir, deine Grenzen zu schützen, während strukturelle Veränderungen anlaufen.

1. Erkenne, wann dein Engagement zu weit geht

Als Lehrkraft tust du oft mehr, als dein Vertrag vorsieht. Frag dich nicht, ob du engagiert genug bist, sondern ob dein Einsatz auf Dauer tragbar ist. Dieses Bewusstsein hilft dir, nachhaltiger zu arbeiten.

2. Schütze deine Vorbereitungszeit

Ad-hoc-Aufgaben wie Anrufe von Eltern, Fragen von Kolleg*innen oder kurzfristige Besprechungen fressen leicht deine Vorbereitungszeit. Gib ihr dieselbe Priorität wie deinem Unterricht.

3. Sei dir bewusst, wofür du ja sagst

Nicht jede Anfrage braucht ein Ja. Entscheide, welche Aufgaben dir Energie geben und welche nicht. Such dir jede Woche eine Aufgabe, die du delegierst oder weglässt.

4. Nutz Fortbildungszeiten für mentale Gesundheit

In vielen Bundesländern stehen Lehrkräften Fortbildungstage zu, die sich auch für Coaching, Stressprävention oder Resilienztraining nutzen lassen. Viele Lehrkräfte wissen das nicht oder machen davon keinen Gebrauch.

5. Erholung beginnt im Schulalltag

Die kurze Pause zwischen zwei Stunden ist keine zusätzliche Vorbereitungszeit. Kleine Erholungsmomente über den Tag verhindern, dass du das Wochenende brauchst, um dich zu erholen.

6. Sprich, bevor du musst

Psychologin Britt Slief von OpenUp: „Ich bemerke oft, dass Menschen erst dann Hilfe suchen, wenn der Stress wirklich zu viel wird. Gerade das frühe Gespräch mit einer Fachperson kann helfen, kleine, nachhaltige Schritte zu gehen.“ Du brauchst keinen Burnout, um an deiner Resilienz zu arbeiten.

Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?

Wende dich an eine Fachperson, wenn Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten, wenn dein Alltag darunter leidet oder wenn Ruhe und freie Tage nicht mehr ausreichen, um dich zu erholen.

Auf folgende Signale lohnt es sich zu achten: Schlafprobleme, zynische Gedanken über deine Arbeit oder Schüler*innen, unklare körperliche Beschwerden oder das Gefühl, dich von Kolleg*innen zurückzuziehen.

Bist du Schulleitung? Achte besonders auf steigenden Kurzerkrankungsstand, mehrere Kolleg*innen, die signalisieren, dass es zu viel wird, oder wenn du selbst nicht weißt, wie du das Gespräch beginnen sollst.

Hilfe zu suchen ist eine Stärke. OpenUp gibt Lehrkräften direkten und unbegrenzten Zugang zu Psycholog*innen, auch abends und am Wochenende, innerhalb eines Werktages. 90 % geben an, dass ihr Thema nach drei Gesprächen gelöst ist. Mehr als 100 Bildungsorganisationen arbeiten bereits mit OpenUp.

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Häufige Fragen zur Lehrergesundheit und Arbeitsbelastung

Was ist der Unterschied zwischen Arbeitsbelastung und Arbeitsstress?

Arbeitsbelastung bezeichnet die objektiven Arbeitsbedingungen: Aufgabenmenge, Klassengröße, administrative Anforderungen. Arbeitsstress ist die persönliche Reaktion auf diese Belastung. Dieselbe Arbeitsbelastung kann bei einer Lehrkraft Stress auslösen und bei einer anderen nicht, je nachdem, welche Ressourcen zur Verfügung stehen, etwa Autonomie, Unterstützung durch Kolleg*innen oder Erholungszeit. Probleme entstehen, wenn Anforderungen strukturell höher sind als die verfügbaren Energiequellen.

Was kostet Arbeitsbelastung das Bildungssystem?

Laut einer aktuellen Auswertung lag der Krankenstand bei Lehrkräften 2024 auf einem historischen Höchststand mit durchschnittlich 21,7 Krankheitstagen pro Jahr. Rund 70 % aller Dienstunfähigkeitsverfahren haben psychische Erkrankungen als Ursache. Genau deshalb ist präventiver Zugang zu psychologischer Unterstützung eine strukturelle Alternative zu rein reaktivem Krankenstandsmanagement.

Was kann eine Schulleitung gegen Arbeitsbelastung tun?

Der erste Schritt ist, das Thema im Teamgespräch anzusprechen. Organisationale Maßnahmen sind fast doppelt so wirksam wie individuelle Tipps. Konkrete Schritte: Administrative Aufgaben reduzieren, die Besprechungskultur kritisch prüfen, frühzeitig psychologische Unterstützung anbieten und Lehrergesundheit als Organisationsaufgabe behandeln, nicht als individuelle Angelegenheit.

Wie können Schulen psychologische Unterstützung finanzieren?

Die meisten Bildungsorganisationen finanzieren psychologische Unterstützung über ihr Gesundheitsbudget, als Teil der Burnout-Prävention oder im Rahmen von Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung. Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) bietet in vielen Bundesländern Rahmen und Fördermöglichkeiten, um solche Angebote strukturell zu verankern.

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