Egal, wie man es dreht und wendet oder wie gut man vorbereitet ist, schwierige Gespräche sind immer ein wenig unangenehm, und das ist völlig normal. Schließlich sind wir alle nur Menschen. Aber je mehr Erfahrung man sammelt und je mehr Fähigkeiten man entwickelt, desto einfacher werden diese Gespräche.
Die Psychologin Emma White von OpenUp erklärt, warum sich diese Gespräche schwierig anfühlen, und gibt praktische Tipps, die dir helfen, sie selbstbewusst zu meistern.
Ein schwieriges Gespräch macht dich verletzlich
„Der Grund, warum du nervös bist, ist, dass du dich verletzlich fühlst“, erklärt Emma White, Psychologin bei OpenUp. „Du drückst deine Gefühle aus oder sprichst an, wie sich die Handlungen anderer auf dich auswirken. Das kann riskant sein – so, als würdest du dich der Gefahr aussetzen, zurückgewiesen oder verletzt zu werden.“
Als Menschen haben wir ein angeborenes Bedürfnis, dazuzugehören und die Harmonie innerhalb einer Gruppe aufrechtzuerhalten. Emma fügt hinzu: „Ein schwieriges Gespräch fühlt sich riskant an, weil es den sozialen Zusammenhalt in Frage stellt. Aber in Wirklichkeit ist dieser Zusammenhalt oft schon gestört, bevor das Gespräch überhaupt beginnt. Wenn alles in Ordnung wäre, müsste man gar nicht erst darüber sprechen – ob die andere Person es merkt oder nicht.“
Schweigen macht alles nur noch schlimmer
Es ist wichtig, dass wir nicht zu Themen schweigen, die uns wichtig sind. Das Sprichwort „Schweigen ist Gold“ ist nicht immer die richtige Antwort. Was wir nicht sagen, spricht oft Bände. Unausgesprochene Frustrationen bleiben bestehen und hängen in der Luft wie eine tickende Zeitbombe.
Emma erklärt: „Schwierige Gespräche zu vermeiden, schafft in der Regel mehr Probleme, als sich ihnen direkt zu stellen. Wie Brené Browns Forschung zeigt, ist es für ein erfülltes Leben unerlässlich, den Mut zu haben, verletzlich zu sein. Wenn wir uns nicht trauen, diese Gespräche zu führen, bleiben wir in einer Sackgasse stecken – unsere Bedürfnisse bleiben unerfüllt und unsere Grenzen laufen Gefahr, ignoriert zu werden.“
Wie gehst du mit der Angst vor einem schwierigen Gespräch um?
Es wird immer angespannt sein, aber du kannst lernen, mit deiner Angst vor einem schwierigen Gespräch besser umzugehen. Emma: “Versuche, bewusst darüber nachzudenken, wie du dich fühlst, was du denkst und wie du dich verhältst. Erkenne, dass es in Ordnung – und normal – ist, sich ängstlich zu fühlen, und dass das, was du denkst, oft eine Standardreaktion auf eine angespannte Situation ist. Indem du deine Anspannung bewusst beobachtest und erlebst, gewinnst du mehr Kontrolle über die Situation und du wirst sehen, dass die Anspannung abnimmt.”
Das Hinterfragen der eigenen Gedanken kann auch eine gute Möglichkeit sein, die Situation besser in den Griff zu bekommen. Stelle dir Fragen wie: “Wovor habe ich wirklich Angst?”, “Was ist das Schlimmste, was passieren kann?” und “Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich so passiert?”.
Emma: “Es kann helfen, alles aufzuschreiben, was dir kurz vor dem Gespräch einfällt. Auf diese Weise verlagerst du deine Gedanken buchstäblich vom Kopf aufs Papier und schaffst mehr Raum, um konzentriert und aufmerksam am Gespräch teilzunehmen”.
Ein weiterer wertvoller Tipp ist, sich darauf zu konzentrieren, was du aus dem Gespräch gewinnen kannst, und nicht darauf, was schiefgehen könnte. Emma: “Wir legen oft den Schwerpunkt auf die Spannung, die wir empfinden. Dagegen kann es eine Erleichterung sein, an die positiven Ergebnisse eines solchen Gesprächs zu denken.
Tipps für ein schwieriges Gespräch
Wie bereitet man sich am besten auf ein schwieriges Gespräch vor und was kann man in der Praxis tun? Emma teilt ihre Tipps mit uns.
1. Mache dir klar: Was fühle ich, was will ich und was ist meine Rolle?
“Wenn du dich auf ein schwieriges Gespräch vorbereitest, solltest du dir zunächst ein klares Bild davon machen, wie du dich fühlst und was du dir von dem Gespräch erhoffst. Überlege auch, welche Rolle du in dem Ganzen gespielt hast, denn wenn es einen Konflikt zwischen zwei Personen gibt, haben beide eine gewisse Rolle darin gespielt.
Wenn du darüber nachdenkst, kannst du eine Menge lernen. Gibt es etwas, das du beim nächsten Mal anders machen willst? Wenn du Verantwortung übernimmst, motiviere die andere Person, das Gleiche zu tun.
2. Betrachte die Situation aus der Perspektive des anderen
“Sei so neugierig wie möglich. Gehe in das Gespräch mit der Annahme, dass dein Gegenüber – genau wie du – mit den besten Absichten handelt. Sei verständnisvoll und versetze dich in die Lage der anderen Person.
Woher kommt diese Person? Was wollte er oder sie hier tun oder erreichen? Oft wollen wir andere nicht verletzen, ihre Grenzen überschreiten oder etwas tun, was wir nicht tun sollten. Das gilt für dich selbst, aber auch für die andere Person.
Es ist nicht immer möglich, die Situation sofort aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das ist in Ordnung. Frage dich: Wie kann ich mich in eine Haltung versetzen, in der ich meine eigenen Gedanken für einen Moment beiseiteschieben und ganz neugierig auf die Geschichte des anderen sein kann?”
3. Erst zuhören, dann nach einer Lösung suchen
“Man kann in ein Gespräch gehen, wenn man die Lösung schon im Kopf hat, aber das kann zu einem Tunnelblick führen und dazu, dass man weniger offen für die Sichtweise der anderen Person ist. Versuche zunächst zuzuhören und zu verstehen, was die andere Person meint und woher ihr Blickwinkel kommt.
Achte nicht nur auf das, was jemand sagt, sondern auch auf die Art und Weise, wie die Person es sagt, d. h. auf die Körpersprache, den Gesichtsausdruck, den Augenkontakt, die Betonung bestimmter Wörter usw. Dies sagt oft mehr aus als die eigentlichen Worte.
Stelle viele Fragen, das zeigt echtes Interesse und die Bereitschaft, die andere Person zu verstehen. Fällt dir das schwer? Stelle dir dann vor, dass du die Geschichte der anderen Person später zusammenfassen willst. Das hilft dir, jemanden wirklich verstehen zu wollen und zu hören, was die Person zu sagen hat.
4. Achte auf dich selbst – vor, während und nach dem Gespräch
“Bei schwierigen Gesprächen ist es auch wichtig, gut auf sich selbst aufzupassen. Gönne dir vor dem Gespräch genügend Freiraum, indem du dich bewegst, etwas trinkst, schreibst, frische Luft schnappst oder eine Atemübung machst. Auf diese Weise kannst du mit einem frischen und offenen Geist in das Gespräch gehen und dich besser konzentrieren.
Während des Gesprächs können alle möglichen Emotionen aufkommen, das ist völlig normal. Denke daran: Emotionen kommen sozusagen von rechts und haben Vorrang – sowohl für dich als auch für die andere Person.
Sage der Person Bescheid, nehme dir ein Getränk oder verlasse das Gespräch. Manchmal ist es besser, sich die Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken, wie man reagieren möchte, anstatt aus einer anfänglichen Emotion heraus Dinge zu sagen, die man dann später bereut.
Denke nach dem Gespräch darüber nach, wie es gelaufen ist, und frage dich, was du daraus gelernt hast. Was ist gut gelaufen, und was könnte besser sein? Plane gegebenenfalls eine Nachbereitung des Gesprächs, damit du sehen kannst, wie sich die Dinge seit dem Gespräch entwickelt haben und wie du weiter vorgehen willst.
5. Gemeinsam zu einer Lösung kommen
“Versuche, die Einstellung ‘Wir wollen das Problem gemeinsam lösen’ aufrechtzuerhalten. Höre dir die Meinung des anderen an, zeige Verständnis für den anderen und entwickelt gemeinsam Ideen und Lösungen. Wer weiß, vielleicht inspiriert ihr euch gegenseitig zu einer noch besseren Idee, als ihr euch ursprünglich vorgestellt habt. Gemeinsam kann man noch mehr erreichen.”
Ein schwieriges Gespräch ist immer eine nervenaufreibende Angelegenheit. Es ist gut, es zuerst mit jemandem zu besprechen oder zu üben. Mache dies mit einem Freund oder einer Freundin oder vereinbare eine 1:1 Sitzung mit unseren Psycholog*innen.